Trauer-Voyeurismus

Gibt es spezielle Pinzgauer Begräbnisrituale?

DSC06835

“Mit einem schlichten Begräbnis nach Pinzgauer Brauch wurde Bankier Heinrich Treichl in seiner Heimatgemeinde Leogang bestattet.”  War diese Woche den Salzburger und Pinzgauer Nachrichten zu entnehmen. 

Schlichtes Begräbnis nach Pinzgauer Brauch? Was muss ich mir darunter vorstellen? Als Pinzgauerin mit ausgeprägtem Interesse für Brauchtum und leider reichlich Erfahrung mit Begräbnissen, ist mir neu, dass es Begräbnisse nach Pinzgauer Brauch gibt. Schlicht noch dazu.

Man lernt nie aus, aber ich dachte bisher die Art eines Begräbnisses richte sich eher nach der Religionszugehörigkeit der Verstorbenen. Jedenfalls haben sich die Begräbnisse außerhalb des Pinzgaus, an denen ich teilgenommen habe, nicht von denen unterschieden, die ich hier besucht habe.

Je nachdem wie bekannt, prominent oder engagiert der oder die Verstorbene war, rücken die jeweiligen Vereine aus. Das ist meines Wissen aber auch zwischen Dornbirn und Gramatneusiedl üblich.

Aber anscheinend ist es im Pinzgau Brauch, dass  Trauerfamilien bei Beerdigungen fotografiert werden!  Ist mir zuletzt bei der Verabschiedung vom Zeller Bürgermeister Hermann Kaufmann aufgefallen, dass man sich nicht scheut, die trauernden Angehörigen aus nächster Nähe abzulichten. Auch die Familie von Heinrich Treichl findet sich jetzt in den Medien wieder! Mit Nahaufnahmen vom Friedhof!

DSC06845Muss das sein? Wollen die LeserInnen das wirklich sehen? Wenn ja, ist es notwendig, diesen Voyeurismus zu bedienen?

Als ich an dieser Stelle vor kurzem das Foto der Opfer des Unfalls auf der B 311 kritisiert habe, gab es zahlreiche Reaktionen, die darauf hinwiesen, dass es doch in allen Medien viel schlimmere Bilder geben würde. Wozu also die Aufregung!

Nun, ich bin prinzipiell der Meinung Missstände gehören bekämpft und nicht kopiert. Es besteht in meinen Augen ein Unterschied zwischen schrecklichen Bildern aus einem Krisengebiet, die unter Umständen der Information über die Zustände bzw. die Not der Bevölkerung dienen. Und Fotos, die nur die Neugierde und Sensationslust befriedigen.

Auch von mir und meiner Familie wurden während der Beerdigung meines Vaters Fotos gemacht, die veröffentlicht wurden. Der verantwortliche Journalist hat mir kürzlich erklärt er habe sich hinterher dafür geschämt.

4 Kommentare zu Trauer-Voyeurismus

  1. es ist wichtig, die unkultur des sensationsgeilen berichtens aufzuzeigen um sie zu beenden. so wie viele parteien glauben, sie müssen möglichst ähnlich den grausigen braunen wirken, um erfolgreich zu sein (was stumpfsinn ist), so glauben selbst gestandene medienhäuser sich immer mehr dem sensationsporno angleichen zu müssen (stumpfsinniges stichwort in redaktionen: “unsere leser_innen wollen das lesen, sehen”). wie oft zb der orf eine kamerafahrt über blutspuren des mordes in reichenhall gezeigt hat, obwohl dadurch gar nichts berichtet, sondern nur geil gegruselt wird, spricht bände…

    trauernde zu filmen, zu fotografieren und dann das auch noch zu veröffentlichen, das ist pietätlos. aber die sensationsgeilen wissen vermutlich gar nicht, was pietät ist.

    • Ich fürchte diese Unkultur wird man kaum beenden können, aber ich will zumindest das Bewusstsein für diese Respektlosigkeiten schärfen.
      Die Konsumenten sind heute ja schon so abgestumpft, dass selbst die Nicht-Sensationsgeilen nichts dabei finden, solche Bilder zu sehen. Weil man an den Sensationsporno leider schon so gewöhnt ist, selbst von seriösen Medien.

      Ich werde das immer wieder anprangern und hoffe, dass zumindest der eine oder andere Fotograf das beim nächsten Einsatz womöglich berücksichtigt!

  2. Wie wahr. Ich habe noch immer die Beerdigung der Ulli Mayer in Rauris in Erinnerung wo mit Kamera und Mikrofon die letzten Worte ihres Vaters an Ulli noch aufgenommen wurden. Es war und wird immer abscheulich bleiben.
    Es ist gut wenn du diese Verfehlungen aufgreifst und anprangerst.

    • Ja da gibt es viele schlimme Beispiele, und leider quer durch alle Medien.
      Aber ich werde nicht müde werden diese Tabubrüche zu kritisieren.
      Das kann nicht sein, dass als Entschuldigung für diese Verfehlungen dann auch die Konsumenten herhalten müssen. Weil wir das angeblich sehen wollen! Das kann und darf nicht sein.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>