Verwaistes Weihnachten

Es war einmal …

… der 24. Dezember 2015, etwa um 6 Uhr abends. Der Weihnachts-Scrooge hatte es sich gemütlich gemacht. Er freute sich, dass die Menschen es gerade besonders stressig hatten, während er, der Weihnachts-Verweigerer, sich einen ruhigen Abend mit seinem Lieblings-Familienmitglied, dem treuen Kater machen konnte.

Eigentlich ist der Protagonist dieser Geschichte gar kein richtiger Scrooge, so wie der berühmte Geizhals von Charles Dickens. Das nicht. Er ist kein grantiger, habgieriger Mann, der Weihnachten hasst, weil er so gefühllos und geizig ist. Im Gegenteil, unseren Refusenik macht Weihnachten immer traurig, darum will er es nicht  feiern.

Mama-005Sein Christkind ist  vor fast 30 Jahren gestorben, seither hat er keine Freude mehr mit dem Fest. Ohne den geliebten Vater war der Glanz erloschen. Der hatte immer gerade in dem Moment bei der Heizung zu tun, als das Christkind läutete. Dieser seltsame Zufall ist den Kindern damals in ihrer Aufregung nie aufgefallen. Als  das Glöcklein dann das erste Weihnachten nach dem Herzinfarkt des Vaters stumm blieb, zog die Trauer in die Stube ein. Und blieb ein Dauergast.

Seither gab es für den Scrooge kein frohes Weihnachten mehr, obwohl er den Zauber dieses Festes und die damit verbundenen Rituale eigentlich sehr gern hatte.

Dieses Jahr hat der Scrooge auch seine Mutter verloren. Es war keine Tragödie, wie damals, beim Vater. Das nicht. Der Abschied kam trotzdem wieder  völlig unerwartet, durch einen Schlaganfall. Manche Mitmenschen sagten sie war ja schon 80, das war vermutlich als Trost gemeint. Als wäre es nicht immer zu früh, einen Elternteil zu verlieren.
Auch wenn es ihm diesmal nicht mehr den Boden unter den Füßen weg zog, er leidet, der Scrooge. Plötzlich Waise, ein jämmerlicher Status. Also dieses Jahr an Weihnachtsstimmung gar nicht zu denken.

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Bisher hatte er sich der Familie, vor allem der Mama zuliebe meist zumindest halbherzig am Trubel beteiligt. Heuer war Schluss. Nichts sollte nur annähernd an das Fest erinnern. Kein Adventkranz, kein Adventkalender, kein Christbaum.

Die Mutter war diejenige, die zu Weihnachten die Aufgabe der Vorbeterin übernahm. Routiniert spulte sie ihre “Gegrüßt seist du Maria …” herunter, immer einen Rosenkranz aus Holz zwischen den Fingern. Leider hat sie nie geschwindelt, und mal ein  Gsatzerl ausgelassen.

Aber wenn der Scrooge Glück hatte, durfte er während der Zeit des Betens mit dem Vater rauchen gehen. Im ganzen Haus, im Stall und rund um das Gebäude wurde geräuchert. Nicht etwa mit einer schönen Räucherpfanne, wie sie heute üblich sind, damals wurde dazu noch ein alter Blasebalg benutzt, der eigentlich zum benebeln der Bienen verwendet wurde. Jedenfalls galt es, die Rückkehr so lange wie möglich hinauszuzögern. Aber selbst wenn viel Schnee lag und man jede Kuh einzeln segnete, schaffte man es meist nicht, den Rosenkranz zu verpassen.

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Wirklich ärgerlich – da hält man die Spannung kaum noch aus, dann soll man auch noch in aller Ruhe beten. Heute betet niemand mehr, aber die damals so wenig geschätzte Tradition ist für den Scrooge ein unverzichtbarer Bestandteil von Weihnachten. Weihnachten, wie es früher war. Früher, als die Welt noch nicht in Scherben lag.

24. 12. 2015 also. Nichts deutet im Haushalt des Scrooge darauf hin, dass heute ein besonderer Tag wäre.

Er schaltet das Radio nicht ein, um nur ja nicht mit “Jingle Bells” und “Last Christmas” konfrontiert zu werden. Angebote von Freunden und Verwandten, mit ihnen zu feiern, hat er beharrlich abgelehnt. Ihm ist überhaupt nicht nach Feiern zumute, da lässt er sich nicht beirren. Weihnachten wird ignoriert lautet die Devise. Bis es am Abend plötzlich klopft und der Nachbar in der Stube steht. Ziemlich ungewöhnlich, an diesem speziellen Abend. Was kann er wollen? Hoffentlich ist nichts passiert!?

Es stellt sich heraus, dass der Nachbar ein Christkind für seine Enkelkinder braucht! Weil bekanntlich sind die Kleinen heutzutage ja schon so gewieft, und er befürchtet, dass es ihnen auffallen würde, wenn er nicht da wäre, wenn es läutet. Da würde es bestimmt Erklärungsnotstand geben. Also wird ausgerechnet der Weihnachts-Refusenik als Christkind engagiert! Ein Glocke hat der Nachbar schon dabei, und eine Taschenlampe ebenfalls. Damit soll er vor dem Fenster ein bissl leuchten und Christkindls Ankunft ankündigen. Es folgen genaue Instruktionen betreff Uhrzeit und Standort, man könne ruhig auch ein bisschen Lärm machen, meint der Nachbar.

Jetzt ist der Scrooge ziemlich aufgeregt. Er hat nur noch zwei Stunden Zeit um sich vorzubereiten und auf dieses ehrwürdige Amt einzustimmen. Was wenn etwas schief geht und er den Kindern Weihnachten vermasselt? Er stellt sich den Handywecker, damit er nur ja die Zeit nicht übersieht. Er testet die Lampe. Mehrmals. Er läutet. Er schaut auf die Uhr. Die Zeit verrinnt noch langsamer als früher, als er selber auf das Christkind gewartet hat. Jetzt ist ER das Christkind. Und so wie jedes Amt bekanntlich seinen Inhaber verändert, merkt auch der Scrooge, dass bei ihm einiges in Bewegung kommt. Es wird ihm ziemlich warm ums Herz, und als er dann wirklich zur ausgemachten Zeit vor dem Haus der Nachbarn steht, packt ihn die Rührung.

Glocke

Es ist eine klare Vollmond-Nacht, die Sterne glitzern mit der Beleuchtung am Haus um die Wette. Die Vorhänge sind nicht zugezogen, die Familie sitzt am Küchentisch. Alles wartet auf den großen Augenblick – wenn ER in Erscheinung tritt. Es liegt an ihm, in diesem Haus gleich für große Freude zu sorgen. Er wirbelt kurz mit der Taschenlampe herum, versucht festzustellen, ob der Schein bemerkt wurde. Noch hört er nichts. Dann schwingt er die Glocke in seiner Hand. Das Christkind läutet. Und schon hört er aufgeregte Kinderstimmen. “Die Bescherung! Das Christkind ist da!”

Er steht noch lange in der hellen Vollmondnacht. Es ist kein weißes Weihnachten, wie es in seiner Kindheit noch selbstverständlich war. Aber es ist Weihnachten. Plötzlich spürt er ihn wieder, diesen besonderen Zauber … Morgen wird er seine Verwandten besuchen und nächstes Jahr, da wird er auf jeden Fall wieder einen Christbaum aufstellen. Bestimmt. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja noch mehr Familien, die einen Christkind-Service brauchen können. Natürlich gäbe es heutzutage auch die Möglichkeit ein Handy läuten zu lassen. Aber bitte, wer will das Christkind durch ein Handy ersetzen! Das geht gar nicht – meint der bekehrte Scrooge …

 Eventuelle Ähnlichkeiten der in diesem modernen Weihnachtsmärchen beschriebenen Charaktere mit lebenden Personen sind natürlich reiner Zufall und nicht beabsichtigt …

6 Kommentare zu Verwaistes Weihnachten

  1. Dem neuerkorenem christkindl ein beruhigendes und gutes 2016….’es tuat so weh,wenn ma verliert und an die kroft gnumma wird’…..mein höchst eigenes credo lautet: unser aller buch des schicksales wurde bereits geschrieben und dem entgeht frau nicht…..die lebenslinien gleichen einem rollercoaster…geht rauf und leider auch runter und das fährt in die magengrube….aber anhalten und aussteigen gilt nur für feiglinge….deshalb wollen wir noch unzählbare jährchen auf dieser berg und talbahn unsere runden drehen……lg w.

    • Liebe Wally,

      das Neo-Christkind freut sich über deine treffende Analyse.
      Es wünscht dir viele erfreuliche Runden im Lebens-Rollercoaster und viel Kraft für die Abwärtsfahrten.

      Wir haben wohl alle unsere Rucksäcke, prall gefüllt mit schwierigen Aufgaben, die es zu meistern gilt.
      Ich bin übrigens froh, dass wir im Schicksalsbuch nicht blättern können!

  2. Hallo Gudrun, es tut gut, wieder einmal etwas von dir zu lesen. Auch wenn es am Anfang traurig ist, gefällt mir deine Erzählung sehr gut. Und ich glaube, Weihnachten findet vor allem in unseren Herzen statt. Das hast du sehr gut geschrieben. Ich wünsche dir alles Gute für 2016
    Liebe Grüße
    Werner

    • Vielen Dank Werner, ich freue mich, dass du dem Provinzecho die Treue gehalten hast.
      Danke für deine guten Wünsche – es werden in diesem Jahr bestimmt wieder fröhlichere Beiträge dabei sein, aber immerhin hat ja auch die traurige Geschichte ein Happy End!

      lg Gudrun

  3. Lieber Srooge,

    Du warst in Deiner Begeisterung früher sogar so großartig, dass Du Deinen Urlaubsgästen den Rosenkranz beigebracht hast, dass auch die “Ungläubigen” mitbeten konnten. Es hat Dir dann viel Freude bereitet, den Rosenkranz beim Liften abzuhorchen und am heiligen Abend beim Beten zu kontrollieren, ob der geladene Gast auch wirklich mitbetet. Vielleicht hat Dir das dann das Beten ein bisschen kürzer vorkommen lassen. Für den Gast war diese Tradition etwas zauberhaft Schönes und das Christkind schon beim Beten anwesend.
    Schön, dass dieser Zauber wieder Platz in Deinem Herzen gefunden hat. Bewahre ihn, diesen Weihnachtszauber, er trägt dich mit Liebe durchs Leben.
    Susanne

  4. Liebe Susanne, bester langjähriger Urlaubsgast!

    Ich muss gestehen, diese religiös-fanatischen Details aus meiner
    Kindheit sind mir entfallen! Danke, dass du sie dem Vergessen entrissen hast! :-)

    Wie hätten denn die “Ungläubigen” würdig mit uns Weihnachten feiern sollen, wenn sie nicht in der Lage gewesen wären den Rosenkranz mit zubeten!

    Hat es eigentlich auch Sanktionen gegeben ;-) Oder war die gestrenge Lehrerin eh zufrieden …?

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