Mauer-Touristin

November 1989,  die Berliner Mauer bröckelt. Eine junge Studentin der Politikwissenschaft an der Uni Wien verfolgt fasziniert die rasanten Entwicklungen bei den Deutschen Nachbarn. Ist überwältigt von dem historischen Ereignis als die Grenze geöffnet wird, den Bildern von den jubelnden Menschen auf der Mauer. Sofort ist klar, sie muss nach Berlin, diese Atmosphäre mit eigenen Augen erleben!

November 2014. Der Fall der Mauer vor 25 Jahren wird in allen Medien groß thematisiert. DiePinzgauerin blättert in den Notizen über ihren damaligen Ausflug in die Stadt, die Geschichte schrieb. Viele spannende Details von Berlin hatte sie völlig vergessen, aber die spektakuläre Hinfahrt ist ihr in bester Erinnerung geblieben: „Habe bei der Mitfahrzentrale einen Bus organisiert, der jedem Trabi Ehre macht,“ lautet ihre erste Eintragung ins Reisetagebuchs. Mitfahrzentralen waren damals noch ein Novum, Menschen mit wenig Geld reisten üblicherweise per Auto Stopp. Heute ebenso undenkbar wie eine Mauer, die Berlin in zwei Teile trennt!

Der Fahrer, der mich also in die Stadt meiner politischen Träume bringen soll, entpuppte sich als durchgeknallter Psychopath. Bei Bratislava standen wir mehrere Stunden im Stau, dort hat er in Rage einem anderen Autofahrer mit einem Hammer die Scheibe eingeschlagen. Ziemlich gruselig, mit so einem Typ eine stundenlange Fahrt vor sich zu haben. Nach der Grenze enthüllte sich schnell auch der Zweck seiner Reise. Er hatte den Bus voll mit Benzinkanistern, die er alle auftankte …

Ankunft in Berlin um 6 Uhr in der Früh. Vorerst wenig euphorisch, nur müde und entnervt. Aber der erste Weg führte mich sofort zum Brandenburger Tor, und „Unter den Linden hat mich die Volksfest Atmosphäre gefangen genommen“. Obwohl ich auch ziemlich überrascht war, über die völlige Vereinnahmung durch die westliche Reklamewelt. „Test the West“, „Taste the West“, „Go West“, „West is Best“ lauteten die verheißungsvollen Parolen. Das Herz der Kettenraucherin lachte, denn sämtliche westliche Tschik standen zum Probieren zur Verfügung … Dazu hat die Jugendliche recht deftig formuliert:  „Es ist zum Kotzen, mit welcher selbstverständlichen Arroganz sich der Westen hier breitmacht.“ Und dennoch: „Wer könnte der Begeisterung widerstehen“, hat sie weiter notiert, aber bereits ganz kritisch besorgte Beobachterin „Kann das gut gehen?“

Verwundert stellt diePinzgauerin fest, dass die junge Studentin damals einer möglichen Wiedervereinigung skeptisch gegenüber stand. Die Gegensätze erschienen ihr zu extrem, und sie wollte den Ossis ersparen, vom Westen völlig vereinnahmt zu werden. Dass ein Zusammenschluss der beiden Staaten damals keinesfalls selbstverständlich war, und heftig diskutiert wurde, erscheint aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar.

Die Besucherin plagten vorerst aber andere Sorgen. Sie musste sich ein Quartier besorgen, in einer heillos überfüllten Stadt, mit bescheidenen Mitteln kein leichtes Unterfangen. Mit gewisser Naivität hatte sie eigentlich gehofft, bei deutschen Gästen unterzukommen, die jahrelang Urlaub in St. Martin am Fasoldgut gemacht hatten, und die Familie Dürnberger immer wieder zu sich nach Berlin einluden. Keiner dieser „Freunde“ wollte nun etwas davon wissen. Nicht einmal die doofe Roswitha, die immer mit ihren vielen Barbiepuppen  angegeben hat. Im gleichen Alter wie diePinzgauerin war sie bereits verheiratet und konnte die Urlaubsfreundin anscheinend nicht bei sich aufnehmen …

Es fand sich eine billige Unterkunft weit außerhalb der Stadt. Eine Familie hatte offensichtlich die Gunst der Stunde genutzt und ein Schlafzimmer der Kinder zweckentfremdet. Die Studentin fand sich also zwischen Spielsachen und Kleidung eines 10 Jährigen und fühlte sich gleich wie daheim. War ihr diese Methode doch von zu Hause nicht unbekannt!

Nach einem langen Wochenende voller bewegender Eindrücke macht sich die Polit-Touristin wieder auf den Heimweg. Obwohl mit der Mitfahrzentrale eine Retourfahrt gebucht war, zieht sie es vor, den Heimweg mit der Bahn anzutreten. Allerdings trifft sie auch hier auf eine durchaus bemerkenswerte Reisebekanntschaft, die ihr in lebhafter Erinnerung bleibt. Die pensionierte Ärztin kennt nur ein Thema, und das ist nicht, wie nahe liegend wäre, der Umbruch im Osten, sondern die Gefahr des Islam für Europa. Erscheint aus heutiger Sicht nicht ungewöhnlich, aber vor 25 Jahren war zwar die Anti-Ausländer-Stimmung bereits am köcheln, aber die Islamophobie noch eher unbekannt. „Die nächste Christenverfolgung in Europa kommt bestimmt, seien sie auf der Hut“, schärfte ihr die Dame ein.

Wann hat es in Europa bereits Christenverfolgungen durch Muslime gegeben? Es ist eine weite Reise von Berlin nach Prag, vor allem mit so einer Gesprächspartnerin …  Man ist ja gefangen im Abteil, damals konnte man zur Unterbrechung einer lästigen Unterhaltung auch nicht einfach sein Handy zücken.  In Prag, endlich erlöst, noch einen Zwischenstopp eingelegt. Laut Aufzeichnungen begeistert von der Stadt, allerdings entnervt von der mühsamen Lebensmittelbeschaffung in den kleinen Tante Emma Läden ohne Selbstbedienung. „Kann mir gut vorstellen, wie irre für die Tschechen ein Billa bei uns sein muss …“!

Leider gibt es von dieser Reise nur die damals bei Hobbyfotografen sehr beliebten Dias. Davon stapeln sich hier Tausende. Die vermutlich nie wieder angeschaut werden, weil die digitale Revolution sie besiegt hat …

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